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Von der Schule der Nation zur Schande der Nation

Der Kommentar der Woche von Hans-Jürgen Mahlitz (27. Oktober 2006)


Die Empörung ist groß, und sie ist vollauf berechtigt: Was sich da einige Schwachköpfe in Uniform geleistet haben, ist nicht hinnehmbar; die Totenkopf-Fotos aus Afghanistan sind widerlich, ekelerregend und primitiv. Damit ist eigentlich schon alles gesagt.

Fast alles. Alles noch nicht. Solche Vorfälle kann man nicht einfach - mit dem Etikett "Einzelfall"  versehen - zu den Akten legen. Nicht nur, weil es inzwischen zu viele "Einzelfälle" sind, sondern auch aus anderen Gründen zwingen sich einige Anmerkungen geradezu auf.

Zum Beispiel: Warum wird so demonstrativ herausgestellt, das Verwerfliche an diesen Taten liege darin, daß der Tatort in einem islamischen Land liegt? Ist der Islam etwa die einzige Religion, die ihren Gläubigen Respekt vor den Toten abfordert? Ist nicht die Achtung der Totenruhe, das strikte Verbot jeglicher Verunglimpfung Verstorbener, auch ein unverzichtbares Grundelement unseres christlichen Glaubens, gestützt auf eine neu- und alttestamentliche Überlieferung mit einer viel längeren Tradition als der des Islam?  Um uns über die Schandtaten dieser Bundeswehrsoldaten in Afghanistan zu empören, bedarf es nicht der Wut der muslimischen Welt, sondern der Rückbesinnung auf unsere eigenen christlichen Werte.

Ein zweiter Aspekt: Die Überraschung, mit der vielfach auf die schockierenden Bilder reagiert wurde, ist reichlich heuchlerisch. Diese schrecklichen Entgleisungen sind nicht überraschend, sondern die bittere, aber vorhersehbare Konsequenz einer systematisch herbeigeführten Verrohung unserer Gesellschaft, insbesondere unserer Jugend. Was anderes soll denn dabei herauskommen, wenn Eltern - statt ihre Erziehungsaufgabe wahrzunehmen - Kinder schon im Vorschulalter ins Kinderzimmer abschieben, oft mehrere Stunden am Tag unkontrolliert den Schund- und Gewaltorgien von Computer- und Videospielen und primitivsten Programmangeboten des Fernsehens (nicht nur des privaten!) auszuliefern! Der einzige "Wert", der einem Großteil der nachwachsenden Generation noch vermittelt wird, ist der: Ihr müßt Spaß haben im Leben, ohne Schranken, ohne Grenzen, ohne Rücksicht - Hauptsache "cool" und "geil". Was im Elternhaus versäumt (oder sollte man sagen: versaut) wurde, kann die Bundeswehr auch mit Spezialausbildung für Auslandeinsätze nicht reparieren; sie ist eben nicht die "Schule (allenfalls die Fahrschule)
der Nation".
Drittens: Man sollte auch einmal über den Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Fotos nachdenken. Sie sind ja nicht neu, sondern zwei bis fast vier Jahre alt. Wurden sie bewußt zurückgehalten, bis der politisch korrekte Zeitpunkt nahte? Wer mag ein Interesse daran haben, gerade jetzt damit an die Öffentlichkeit zu gehen, da die politische Führung den Auftrag unserer Streitkräfte neu zu definieren versucht und zugleich die in Afghanistan eingesetzten Bundeswehr-Einheit mit eher zweifelhaften Foltervorwürfen konfrontiert sind? Alles Zufall?

Und schließlich: Es ist nicht auszuschließen, daß diese Bilder - ähnlich wie die dänischen Mohammed-Karikaturen - Gewalt und Terror, womöglich mit Toten und Verletzten, auslösen. Diese Gefahr hätten gewisse Verlage und Redaktionen bedenken sollen, bevor sie zum auflagensteigernden Abdruck der Greuelbilder schritten. Zur ordnungsgemäßen Aufklärung dieser Vorfälle hätte es der Veröffentlichung der Fotos jedenfalls nicht bedurft; wer daran und an nichts anderem interessiert war, hätte genügend Gelegenheit gehabt, auf weniger spektakulärem Wege eine sowohl juristische als auch moralische Aufarbeitung in Gang zu bringen.

Fazit: Es reicht eben nicht, besorgt zu fragen, was in den Köpfen dieser jungen Menschen vorgeht  - man muß auch fragen, wie das in diese Köpfe hineingekommen ist.



 
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