Startseite
Inhaltsverzeichnis
Deutschland Aktuell
Familie/Kinder
Preußen / Geschichte
Europa / Aus aller Welt
Gesundheit
Kultur / Wissenschaft
Reise / Auto / Technik
Bücher
Archiv
Impressum / Kontakt
 

"Über sieben
Brücken
mußt
du geh'n"



Zum 300. Geburtstag des Mathematikers Leonhard Euler


Bild: Das Königsberger Brückenproblem, dargestellt von Leonhard Euler im Jahre 1736; es handelte sich dabei keineswegs um eine rechnerische "Spielerei", sondern um die grundsätzliche Lösung eines Problems, welche die theoretische und angewandte Mathematik bis in unsere Tage beeinflußt hat



Sankt Petersburg, in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts: Der junge, aber schon überaus erfolgreiche Schweizer Mathematikprofessor Leonhard Euler bespricht mit seinem ostpreußischen Kollegen Christian Goldbach das Neueste aus der Welt der Zahlen. Beiläufig fragt er, wie er demnächst auf der Durchreise nach Berlin ohne Umwege die Sehenswürdigkeiten in Goldbachs Vaterstadt erreichen kann. Die Antwort des Königsbergers (250 Jahre vor Karat und Peter Maffay): "Über sieben Brücken mußt du geh'n!"

Dies war die Geburtsstunde des Königsberger Brückenproblems. Damals überquerten sieben Brücken den Pregel, und Euler suchte einen Rundweg, auf dem er jede dieser sieben Brücken nur einmal überschritt und schließlich zum Ausgangspunkt zurückgelangte. Einen solchen Weg fand er nicht, wohl aber den mathematischen Beweis, daß es diesen Weg gar nicht geben kann. Die Lösung, die er 1736 veröffentlichte ("Ad geometriam situs pertinentis"), begründete die heute noch aktuelle Graphentheorie und spielt unter anderem bei komplizierten Berechnungen von Fahrplänen oder logistischen Einsatzplanungen eine wichtige Rolle.

Der geistige Vater des Königsberger Brückenproblems, Leonhard Euler, wurde vor 300 Jahren, am 15. April 1707, in Basel geboren. Als 20jährigen berief ihn der russische Zar an die Sankt Petersburger Akademie der Wissenschaften, mit 23 war Euler bereits Professor. Die Preußische Akademie der Wissenschaften holte ihn 1741 nach Berlin, wo er 25 Jahre lang wirkte. Hier begründete Euler seinen Ruf als einer der bedeutendsten Mathematiker der gesamten Wissenschaftsgeschichte. Mit der Eulerschen Zahl (e=2,71828...) kreierte er die "Mutter aller Logarithmen"; insgesamt sind von ihm nahezu 900 wissenschaftliche Publikationen übermittelt.  

Dennoch verliefen seine preußischen Jahre nicht ungetrübt. Er ließ sich in unsachliche Diskussionen um Randthemen verwickeln, wurde zum Gegenstand einer ätzenden Spottschrift Voltaires und fiel schließlich bei Friedrich dem Großen, der ihn anfangs gefördert hatte, in Ungnade. Hinzu kamen Probleme mit einem Augenleiden, das sich ab 1740 verschlimmerte und um 1770 zur völligen Erblindung führte.

1766 kehrte Euler an die Sankt Petersburger Akademie zurück, wo er bis zu seinem Tode am 18. September 1783 unermüdlich arbeitete. Mit Christian Goldbach (1690- 1764), der ihn einst zur Formulierung und Lösung des Brückenproblems animiert hatte, blieb Euler jahrzehntelang freundschaftlich verbunden. So war es wohl auch kein Zufall, daß der große Königsberger Mathematiker ausgerechnet in einem Brief an seinen Schweizer Kollegen 1742 seine legendäre Goldbach'sche Vermutung formulierte. Im Gegensatz zu Eulers Brückenproblem aber ist Goldbachs Primzahlenvermutung bis heute weder bewiesen noch widerlegt.
Hans-Jürgen Mahlitz

Siehe auch
PAZ Ausgabe 15/07


PREUSSEN HAT ZUKUNFT

Dr. Manuel Ruoff berichtet über den Festakt
der Landsmannschaft Ostpreußen
zum 60. Jahrestag des Kontrollratsgesetzes Nr. 46,
mit dem die Staatlichkeit Preußens ausgelöscht werden sollte

Am 25. Februar 1947 erließ der Alliierte Kontrollrat das berüchtigte Kontrollratsgesetz Nr. 46. Dessen Artikel 1 lautete: ,Der Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden werden hiermit aufgelöst.'
Um diesen Willkürakt der Siegermächte eine gewisse Scheinlegitimation zu geben, wurde dem Dekret - es handelte sich um ein Dekret, nicht um ein Gesetz - die dreiste Geschichtsklitterung vorangestellt, daß Preußen von jeher Träger des Militarismus und der Reaktion gewesen sei.

Auf den Tag genau heute vor 60 Jahren geschah das hier in Berlin."
Mit diesen einleitenden Worten hatte der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm v. Gottberg, den Anlaß umrissen, aus welchem die LO für den
25. Februar 2007 nach Berlin zu einem Festakt geladen hatte, um dann fortzufahren:

"Die Landsmannschaft Ostpreußen hat sich immer neben ihren politischen, sozialen und kulturellen Aufgaben als Geschädigten-Verband auch als nationales Gewissen unseres Vaterlandes verstanden. In ähnlichen Veranstaltungen wie der heutigen haben wir vor sechs Jahren auf dem 300. Jahrestag der Krönung des ersten preußischen Königs und vor drei Jahren an den 200. Todestag Kants erinnert. Heute geht es uns aus genanntem Anlaß um die Bewußtmachung des preußischen Anteils an der deutschen Geschichte und um die Feststellung, daß die erfolgreiche Bewältigung der Zukunft unseres Gemeinwesens ohne Preußen - Preußen im weitesten Sinne - nicht gelingen wird. Preußen als europäische Vormacht ist Geschichte. Preußen als Teil des deutschen Föderalismus zum Beispiel als Bundesland Brandenburg-Preußen, ist das undenkbar? Geschichte ist nach vorne immer offen."

Rund 400 Gäste faßte der Festsaal. Der Reigen reichte vom Präsidenten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Reinhard Führer, über den Bundesvorsitzende der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung von CDU und CSU, Helmut Sauer, bis zum ehemaligen Präsidenten des Landtages von Brandenburg Herbert Knoblich.

Gerne hätte die Landsmannschaft als Gastgeber wie weiland bei der Veranstaltung zum 200. Todestag des Königsberger Philosophen Immanuel Kant den Französischen Dom als Veranstaltungsort gewählt, doch es sollte nicht sein. Es lag bereits eine Einladung des Hausherren vor, doch wurde diese später mit der Begründung zurückgenommen, daß die Landeskirche die Verbindung zwischen Preußen und dem Dom nicht wolle. Unterzeichnet war die Absage vom ehemaligen Chef-
redakteur der Wochenzeitung "Die Zeit" Robert Leicht. Dabei verdankt der Französische Dom seine Existenz preußischer Toleranz. So fand die Veranstaltung im Hotel Hilton statt.

Nach der Begrüßung durch den Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm v. Gottberg, stellte Prof. Dr. Wolfgang Stribrny dem alliierten Zerrbild Preußens die Wirklichkeit gegenüber, zu der auch die einmalige für Preußen so typische und wichtige Staatsidee gehört.

Danach ging es weiter mit dem zweiten Festvortrag von Prof. Dr. Harald Seubert, der sich mit seinem Referat "Rationalität - Toleranz - Maß: Preußens geistiges Erbe" der Frage nach der Geschichte, Gegenwart und Zukunft Preußens von einer eher philosophischen Seite näherte und die Bedeutung Preußens für die Philosophie herausstellte.

Nach diesen beiden interessanten Festvorträgen fand Wilhelm v. Gottberg große Zustimmung, als er ankündigte, daß die Landsmannschaft zukünftig häufiger derartige Veranstaltungen durchführen wolle. In seinem abschließenden Rückblick auf die Veranstaltung machte der Sprecher der LO noch einmal sehr deutlich, welche Bedeutung Preußen für die gesamte deutsche Nation hat, und wie wichtig es ist, ungeachtet aller Tabus hieran immer wieder zu erinnern:

"Heute wurde sehr ausführlich die eine Wurzel der deutschen Identität beleuchtet. Es ist die nordostdeutsche, preußisch-protestantische Wurzel. Daneben steht die süddeutsch-rheinische katholische Wurzel. Die Deutschen haben allen Grund, auf die preußische Geschichte stolz zu sein. Leider wird und wurde die preußische Geschichte nach dem Kriege bis heute in weiten Teilen tabuisiert. Das Aufbrechen von Tabus ist auch ein Ziel von Veranstaltungen der Landsmannschaft Ostpreußen wie der heutigen. Es ist nicht bekannt, daß die Auslöschung Preußens ein Kriegsziel der Westalliierten war. So äußerte Präsident Roosevelt am 17. September 1943 vor dem amerikanischen Repräsentantenhaus: ,Wenn Hitler und die Nazis verschwinden, muß sogleich die kriegslüsterne preußische Bande in Deutschland ausgerottet werden.' Anders als nach dem Ersten Weltkrieg, als die Sieger dem Unterlegenen Gegner zwar größere Demütigungen, unbezahlbare Reparationen und territoriale Verluste zumuteten, sollte nach dem Zweiten Weltkrieg ein Wiedererstarken Mitteleuropas gänzlich verhindert werden. Und dazu gehörte, daß man Preußen im Nachhinein verteufelte. Man versprach sich davon eine Zerstörung der für alle Deutschen aus der preußischen Entwicklung gewonnenen Traditionen. Diese Zielsetzung hat sich erfüllt. Es wird in Deutschland wieder besser werden, wenn wir an die preußische Tradition anknüpfen und preußische Werte ihren vormaligen Stellenwert wiederbekommen. Wir müssen zurück zu unseren Wurzeln. Im Schwimmen gegen den Strom kommen wir zur Quelle."

Der 60. Jahrestag der offiziellen Auflösung des Staates Preußen durch die Alliierten war also nur Anlaß, nicht aber der tiefere Grund, daß man in Berlin zuammenkam, um sich Preußen und seine Bedeutung vor Augen zu führen. Daß der Beschluß des Alliierten Kontrollrates vor 60 Jahren nämlich nur ein formaler Akt war, darüber herrscht Konsens - über die Frage, wann er de facto endete, hingegen nicht.
Monarchistisch Gesinnte neigen dazu, das Ende des preußischen Staates am Ende der Hohenzollernherrschaft im Jahre 1918 festzumachen. Das scheint zu brandenburgzentrisch gedacht. Dafür scheinen zu viele Wurzeln der preußischen Ideale in den - nicht-monarchischen - Staat der Deutschen Ordensritter zu reichen. Doch muß man nicht Anhänger der Monarchie sein, um das Ende des preußischen Staates am Ende des König- und des Kaiserreiches festzumachen, denn mit der Novemberrevolution verlor Preußen nicht nur seinen Monarchen, sondern auch seine durch die Verfassung verbriefte herausgehobene Rolle im Reich. Preußen stellte nicht mehr automatisch das Staatsoberhaupt des Reiches - und sein Schild zierte auch nicht mehr die Brust des Reichsadlers. Zumindest verfassungsrechtlich war es im Deutschen Reich nun Gleicher unter Gleichen. Für viele eher linksgerichtete Beobachter endet der preußische Staat 1918 jedoch trotzdem nicht, sondern vielmehr fängt in ihren Augen die beste Phase der preußischen Geschichte jetzt erst an - die Ära des sogenannten roten Preußen. Vom "roten" Preußen spricht man, weil nach der Umwandlung des Königreiches in einen Freistaat in Preußen fast ausnahmslos die Weimarer Koalition mit Sozialdemokraten als Regierungschefs regierte.

1944/45 erfolgte die Eroberung und Besetzung durch die Alliierten. Erstmals seit dem Vierten Koalitionskrieg in der napoleonischen Zeit war Preußen erobert und besetzt. Wie die Alliierten hatte auch schon Napoleon Preußen auflösen wollen. Damals hatte allerdings Rußland dieses verhindert. Eine solche Großmacht, die sich für Preußen stark machte, fehlte jedoch jetzt. Schon vor der offiziellen Auflösung Preußens, also der Erlegung des Bären, wurde sein Fell verteilt. Die Sowjetunion teilte den Osten Preußens zwischen sich und Polen auf, und die Westalliierten gründeten auf dem Boden des westlichen Teils Preußens neue Länder.
Stalin machte jedoch etwas, daß noch nicht einmal Napoleon in Erwägung gezogen hatte. Er vertrieb das Staatsvolk vom territorialen Kern und Namensgeber Preußens.

Die beiden Festvorträge von Prof. Dr. Wofgang Stribrny und Prof. Dr. Harald Seubert sollen als Broschüre erscheinen und können zur gegebenen Zeit bei der Landsmannschaft Ostpreußen bestellt werden.

Siehe Preußische Allgemeine Zeitung


Heimat - was ist das?

Nachbetrachtungen zu einem bemerkenswerten Vortrag
des Ostpreußen-Sprechers Wilhelm v. Gottberg /
Von Hans-Jürgen Mahlitz

Heimat - was ist das? Der Ort, da ich geboren bin? Oder aufgewachsen, zur Schule gegangen? Wo ich später meinen beruflichen oder familiären Lebensmittelpunkt fand? Oder einfach da, wo ich mich wohlfühle, wo ich gern bin - und gern bleibe? Oder gar - totaler Kontrast ¬- da, wo ich bleiben wollte, aber nicht durfte, von wo man mich verjagt, vertrieben hat?
Letzteres, so scheint es, sollte die Definition eines aus seiner Heimat Vertrieben sein, zum Beispiel des Heimatvertriebenen Wilhelm v. Gottberg. Der Vormann der Landsmannschaft Ostpreußen, dieser auch "60 Jahre danach" noch recht lebendigen Schicksalsgemeinschaft, nutzte kürzlich einen Vortrag bei der Publizisten- und Historiker-Arbeitsgemeinschaft "Stimme der Mehrheit", um sich dem Thema "Heimat" auf sehr persönliche Weise zu nähern: Er sprach nicht über "die" Heimatvertriebenen an sich und als solche, sondern erzählte von seinem und seiner Familie Schicksal. Und so manch einer im Auditorium, der vielleicht eher auf eine streng sachliche, wissenschaftlich fundierte und damit eher etwas trockene Vorlesung über das Abstraktum "Heimat" (unter besonderer Beachtung der aus derselben Vertriebenen) eingestellt war, sah sich unverhofft veranlaßt, einmal über sich selber nachzudenken: Was, wo ist eigentlich meine Heimat? Habe ich überhaupt eine Heimat, oder bin ich womöglich zwar nicht heimatvertrieben, aber doch heimatlos?
So zum Beispiel sieht es aus, mein persönliches Schicksal: die Familie in Düsseldorf ansässig, vereinzelte Spuren verweisen ins Niederrheinische, andere verlieren sich über die Generationen im deutschen Osten. Die rheinische Nobel-Metropole also Heimat Nr. 1!
Kriegsbedingt fand die Geburt jedoch nicht am Rhein, sondern am Main, in Würzburg, statt. Dort, im Unterfränkischen, erlebt der rheinische Bayer (oder bayerische Rheinländer?) die letzten Kriegs- und die ersten Nachkriegsjahre, eine im Vergleich zu gleichaltrigen Ostpreußen, Schlesiern oder Sudeten ziemlich unbeschwerte, zeitweise durchaus glückliche Kindheit - Heimat Nr. 2 also, und womöglich gar die wahre?
Mit Eintritt der Schulpflicht zurück in die "erste" Heimat, dann die akademischen "Lehr- und Wanderjahre": Berlin, Tübingen, Bonn, unterbrochen durch ein kurzes Intermezzo in Frankreich. Zu intensiven Heimatgefühlen reicht nirgends die Zeit.
Der Beruf beglückt den jungen Journalisten mit weiteren "Heimaten" (gibt es von diesem Wort überhaupt einen Plural, und  wenn nein - warum nicht?): Köln, Oberbayern (out of Rosenheim, ganz wörtlich), Hamburg, erneut Frankreich und erneut Oberbayern. Alles Orte, wo ich mich wohl und "heimisch" fühlte, wo ich gern blieb  beziehungsweise bleibe. Sie alle kämen als Heimat in Frage; vielleicht macht ja gerade dies die Antwort  so schwierig.
Wieviel Heimat(en) kann ein einzelner Mensch denn überhaupt haben? Wieviel braucht er, ab der wievielten wird es ihm vielleicht zu viel, so daß er es vorzieht, sich lieber gleich "heimatlos" zu fühlen? Oder zu katalogisieren, in Heimat erster, zweiter, dritter Klasse, in "alte" und "neue" Heimat"?
An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs gestattet. In bewegenden Worten schilderte der Heimatvertriebene Wilhelm v. Gottberg, wie sich ihm die "neue" Heimat offenbarte: unstet, oft auch kalt und abweisend. Acht Umzüge in wenigen Jahren, wie soll ein junger Mensch da Wurzeln schlagen, sich "in der Heimat" fühlen. Die Seele klammert sich an die persönlichen Erinnerungen, die das vierjährige Kind aus Ostpreußen, der "alten" Heimat, mitgebracht hat - und die immer mehr verblassen. Das Wissen über Geschichte, Land und Leute im deutschen Osten, das man sich mit großem Fleiß aneignet, kann das Defizit an eigenem Erleben dieser "alten" Heimat letztlich nicht ausgleichen. Wir, denen ein solches Schicksal erspart blieb, sollten uns also hüten, das immer noch quälende Leid der Vertriebenen mit oberflächlich-tröstenden Hinweisen auf "alte" und "neue" Heimat zu "relativieren".
Gerade das ist das Unmenschliche einer jeden Vertreibung: Sie macht den Menschen "heimatlos" - nicht nur in jenem salopp-makabren Sinne, daß er "seine Heimat los ist". Sie raubt dem Menschen einen elementaren Bezugspunkt seines Lebens, den Kristallisationspunkt seines persönlichen Schicksals, zugleich Schnittpunkt mit dem Schicksal der Lebensgemeinschaft, in die er hineingeboren ist. Heimat, das ist der Punkt, an dem der Mensch sich orientieren kann, wenn er wissen will, wo er eigentlich hingehört, an dem ihm konkret sichtbar wird, wo er herkommt - und dann vielleicht auch, wohin sein Weg ihn führt. So betrachtet, ist "Heimat" weit mehr als nur ein geographischer Begriff - sie liegt nicht nur irgendwo auf der Landkarte, sondern vor allem im Herzen.
Wenn der oberste Repräsentant der heimatvertriebenen Ostpreußen sein Referat ausklingen läßt mit dem bitteren Satz, letztlich sei ja auch er selbst "heimatlos", muß man das nicht unbedingt als Ausdruck der Resignation verstehen. Wohl aber als mahnende Erinnerung daran, daß "Heimat" für jeden Menschen von elementarer Wichtigkeit ist. Wie wichtig, kann wohl nur der erfassen, der mit verbrecherischer Gewalt dieses Grundwertes beraubt wurde. In diesem Sinne um das wohlverstandene "Recht auf Heimat" zu kämpfen, ist eine Aufgabe, bei der Vertriebene und Nicht-Vertriebene Seit' an Seit' stehen müssen.

Der Autor war sechs Jahre lang Chefredakteur der Preußischen Allgemeinen Zeitung/Das Ostpreußenblatt, herausgegeben von der Landsmannschaft Ostpreußen
Siehe auch PAZ


Von der staatlichen Zensur zur Meinungs- und Pressefreiheit


"Political correctness" in Preußen und im heutigen Deutschland
Ein kritischer Vergleich von Hans-Jürgen Mahlitz

Meinungs- und Pressefreiheit in Preußen und im heutigen Deutschland - als ich mich mit Professor Dr. Wolfgang Stribrny auf dieses Thema für einen Vortrag vor dem von ihm geleiteten Preußen-Institut verständigte, war ich zunächst der - wie sich zeigte, irrigen - Auffassung, dies sollte für einen gestandenen Journalisten doch zu den eher leichteren Übungen zählen. Meinungs- und Pressefreiheit, damals in Preußen und im Vergleich dazu im heutigen Deutschland, dazu müßte sich doch schnell einiges finden lassen.

Und in der Tat, es ließ sich ganz schnell einiges finden; auf den ersten Blick schien das Thema sogar allzu schnell erschöpft zu sein: Im heutigen Deutschland "findet eine Zensur nicht statt", wie es so schön und schlicht in unserem Grundgesetz heißt. Also leben wir heute in einem wahren Paradies der ungetrübten Meinungs- und Pressefreiheit. Damals in Preußen hingegen fand sehr wohl eine Zensur statt - Unterdrückung und Obrigkeitsstaat also auch auf dem Felde der Meinungs- und Pressefreiheit! So einfach kann man sich die Welt und die Geschichte zurechtbiegen, wenn man sie denn so sehen will. Aus leidvoller jahrzehntelanger Erfahrung wissen wir, daß viele, allzu viele die Geschichte Preußens so sehen wollten und zum Teil immer noch sehen wollen.

Aber als Gründungs-Chefredakteur einer Zeitung, die Preußisches im Titel und im Schilde führt (nämlich der "Preußischen Allgemeinen Zeitung"), kann ich mich natürlich nicht auf derlei antipreußische Plattitüden beschränken. Nein, jedes Detail und jeder Aspekt der preußischen Geschichte haben es verdient, sorgfältig und ausgiebig betrachtet und dargestellt zu werden, nicht zuletzt, weil diese Geschichte auch dem heutigen Deutschland so viel zu geben vermag.

Die Geistesgeschichte Preußens ist in besonderem Maße geprägt von der Aufklärung. Es ist ja kein Zufall, daß auf die Frage nach großen preußischen Persönlichkeiten neben Friedrich dem Großen wohl kein anderer Name so häufig genannt wird wie der Immanuel Kants. Der Königsberger Philosoph hat eben nicht, wie viele andere Vertreter seiner Zunft, gerade auch in unserer Zeit, nur hochgeistige Texte verfaßt, die außer dem Autor selbst und einem kleinen Kreise Auserwählter niemand versteht - er hat wahrhaft "Geschichte geschrieben". Seine

Definition "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" blieb nämlich nicht graue Theorie, sondern mündete in die sehr konkrete und praktische Forderung, der Mensch solle "sich unabhängig von Vorurteil, Tradition und Offenbarung seines eigenen natürlichen Verstandes bedienen". Daß der Mensch dies nur kann, wenn er freien Zugang zu Wissen und Informationen hat und sich frei von staatlichem oder sonstigem institutionellen Zwang seine Meinung bilden kann, ergibt sich geradezu zwangsläufig aus diesem Kantschen Postulat. Wobei ich dahingestellt bleiben lasse, ob im ersten Zitat das Wort "selbstverschuldet" nicht etwas überzogen ist; ich meine eher, daß Menschen auch ohne eigenes Verschulden in Unmündigkeit fallen oder darin gehalten werden können.

Preußen hatte in jener Zeit doppeltes Glück: In Kant hatte es einen Denker, der fähig war, eine den strengen Gesetzen der reinen Vernunft genügende Sittenlehre allgemeinverständlich zu formulieren. Und in Friedrich II. hatte es eine wahrhaft große - eben nicht nur auf dem Schlachtfelde, sondern auch im Geiste große Herrscherpersönlichkeit, unter der sich der Geist der Aufklärung relativ ungehindert entfalten konnte.

Geradezu verblüffend ist die Tatsache, daß dies möglich war, obwohl es auch zu jener Zeit in Preußen eine gutorganisierte staatliche Zensur gab. Unter Friedrich II. wurde sie zwar betont milde gehandhabt, was sich schon aus den hinlänglich bekannten Toleranzvorstellungen des Königs in Religionsfragen ergab.

Aber es gab sie, diese Zensur! Jeder, der etwas Gedrucktes publizieren wollte, sei es ein Buch, sei es eine Zeitung oder Zeitschrift, wußte genau, welchen Kontrollen seine Texte unterlagen, wo Grenzen gezogen waren und mit welchen Konsequenzen er zu rechnen hatte, wenn er diese Grenzen überschritt.

Aus heutiger Sicht ist man geneigt, diesen Zustand als unvereinbar mit Meinungs- und Pressefreiheit zu bewerten. Offenbar ist man heute allzu sehr darauf fixiert, solche Freiheiten überhaupt nur da für möglich zu halten, wo Zensur nicht stattfindet - oder zumindest laut Gesetzes- und Verfassungsformulierungen nicht stattfinden sollte. Der Blick in die preußische Geschichte aber lehrt, daß diese heutige Sichtweise allzu eng ist.

Über lange Phasen der Geschichte Preußens diente die Zensur nämlich nicht der Verhinderung oder Einschränkung von Meinungs- und Pressefreiheit, sondern der Kanalisierung. Sie schuf einen klar definierten und unmißverständlich formulierten Rechtsrahmen, schuf also Rechtssicherheit und muß unter diesem Aspekt als Instrument der Rechtsstaatlichkeit bezeichnet werden.

Deren Basis war das typisch preußische Freiheitsverständnis: Freiheit nicht als absoluter, von allem anderen isolierter Selbstzweck, sondern als eine Größe, die sich nur dann für das Gemeinwohl segensreich entfalten kann, wenn sie an Verantwortung gebunden ist. Der preußische Freiheitsbegriff begnügte sich nicht mit dem "Freiheit wovon?", sondern fragte weiter nach dem "Freiheit wozu?". Freiheit mußte stets ein Ziel haben, und das Ziel galt nur als akzeptabel, wenn es auf das Gemeinwohl ebenso Rücksicht nahm wie auf die Freiheit und Menschenwürde anderer.

So stellt man heute neidvoll fest, daß im öffentlichen beziehungsweise veröffentlichten Meinungsstreit der Ehrenschutz in Preußen einen deutlich höheren Stellenwert hatte als heute. Um an einige aktuelle Beispiele zu erinnern: Öffentliche Verunglimpfungen, wie sie ehrenwerte konservative Politiker wie der ehemalige Fuldaer Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann oder Jörg Schönbohm, der in Potsdam amtierende Innenminister und Stellvertretende Ministerpräsident, zu ertragen hatten, weil sie sich den Luxus erlaubten, eine eigene Meinung nicht nur zu haben, sondern auch öffentlich zu äußern, wären im Preußen Friedrichs des Großen ebenso undenkbar gewesen wie, nur wenige Jahrzehnte früher, die unappetitlichen Pauschaldiffamierungen jüdischer deutscher Patrioten in nationalsozialistischen Medien. Wenn man sieht, wie mit Politikern wie Jenninger oder Heitmann, um weitere Namen zu nennen, umgegangen wird, dann fragt man sich natürlich, ob das Nichtstattfinden von Zensur wirklich ein Fortschritt ist.

An dieser Stelle möchte ich eines klarstellen. Ich halte nichts davon, Preußen und seine Geschichte kritiklos schönzureden. Es hat, auch bezogen auf unser heutiges Thema, neben viel Licht manch finsteren Schatten gegeben. Große Geister, edle Persönlichkeiten, die heute unsere uneingeschränkte Verehrung als "Patrioten aus dem Bilderbuch" genießen, hatten unter staatlicher Verfolgung zu leiden. Ich erinnere an Ernst Moritz Arndt oder daran, unter welch unwürdigen Umständen August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1842 aus akademischen Ämtern und Würden verjagt wurde. Man bedenke: ein Jahr, nachdem er auf Helgoland das Lied der Deutschen gedichtet hat! Selbst ziemlich unpatriotisch empfindenden Menschen von heute ist kaum noch zu vermitteln, daß ausgerechnet der Dichter, dem dieses Land eine der weltweit schönsten und friedlichsten Nationalhymnen zu verdanken hat, in eben diesem Lande unter den Druck einer verschärften Zensur geraten konnte.
So hat die Geschichte der Meinungs- und Pressefreiheit in Preußen auch ihre düsteren Kapitel. Ein weiteres soll der Ehrlichkeit halber ebenfalls nicht unerwähnt bleiben: Otto von Bismarck, der von mir - und ich glaube, auch von den meisten unter Ihnen - nachhaltig verehrte "Eiserne Kanzler", bekundete zwar im Jahre 1848, er halte - Zitat aus einem Brief an die "Magdeburger Zeitung" - "jeden Bürger eines freien Staates für berechtigt, seine Meinung gegen seine Mitbürger selbst dann zu äußern, wenn sie der augenblicklichen Meinung widerspricht". Ich finde, das ist eine bemerkenswerte Aussage von höchster Aktualität. Gehalten hat er sich an diese weise Erkenntnis leider nicht immer. So ließ er am 1. Juni 1863 die Pressefreiheit auf dem Verordnungswege in einem Umfang und in einer Weise einschränken, die auch von seriösen Beobachtern als klarer Verfassungsbruch bezeichnet wird. Offensichtlich neigte Bismarck gelegentlich zu der Auffassung, ein von ihm selbst für gut befundener Zweck heilige alle Mittel, auch im Umgang mit den Medien.

Ansonsten muß man Bismarck zubilligen, daß er - anders als heute und durchaus im Geiste preußischer Tradition - den Begriff Medien, bezogen auf das Pressewesen, durchaus richtig definierte. Die Medien waren Mittel im öffentlichen Meinungsstreit. In ihnen und über sie machten politische Gruppierungen ihre Positionen publik, setzten sich mit politischen Gegnern auseinander, versuchten, die Öffentlichkeit für sich zu gewinnen.

Heute sehen die Medien sich gern in einer anderen, viel weiter gehenden Rolle: Als selbsternannte "Vierte Gewalt" begnügen sie sich nicht mehr damit, über Politik im weitesten Sinne zu berichten und zu informieren - sie maßen sich an, selber Politik zu machen. Vor allem die mit Kamera und Mikrophon "bewaffneten" Vertreter dieser "Vierten Gewalt" sehen sich letzten Endes als "Erste Gewalt", die über allen anderen steht. Es ist geradezu paradox: Die vermeintlichen Medien benutzen selber die Politik als Medium zur Durchsetzung ihrer eigenen ideologischen Ziele.

In Preußen hingegen waren die Medien ein wichtiges Instrument des politischen Meinungsstreits und der öffentlichen Willensbildung. Gesetze und Verordnungen und die auf ihrer Basis tätigen Zensurbehörden steckten den Rahmen ab, innerhalb dessen sich Meinungs- und Pressefreiheit entfalten konnte. Um zu verdeutlichen, welcher Geist dahinter stand, lassen Sie mich aus dem sogenannten Zensuredikt Friedrich Wilhelms II. von 1788 zitieren. Dieses Dokument gilt heute gemeinhin als Ausdruck des gewaltsamen Endes der liberalen, von Toleranz geprägten Pressepolitik Friedrichs des Großen: Ich zitiere auszugsweise: "Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden König von Preußen, thun kund und fügen hierdurch jedermann zu wissen: ob wir gleich von den großen und mannigfaltigen Vortheilen einer gemäßigten und wohlgeordneten Preßfreyheit, zur Ausbreitung der Wissenschaften, und aller gemeinnützigen Kenntnisse, vollkommen überzeugt, und daher solche in Unseren Staaten möglichst zu begünstigen entschlossen sind, so hat doch die Erfahrung gelehrt, was für schädliche Folgen eine gänzliche Ungebundenheit der Presse hervorbringen, und wie häufig dieselben von unbesonnenen oder gar boshaften Schriftstellern, zur Verbreitung gemeinschädlicher praktischer Irrthümer über die wichtigsten Angelegenheiten der Menschen, zur Verderbnis der Sitten durch schlüpfrige Bilder und

lockende Darstellungen des Lasters, zum hämischen Spott und boshaften Tadel öffentlicher Anstalten und Verfügungen ..."

Soweit die Zustandsbeschreibung, weitgehend wohl aus der Feder des vom König ernannten Justizministers Johann Christoph von Wöllner stammend. Der leitete daraus die Konsequenz ab, der Presse dürfe fortan nicht mehr alles erlaubt werden, was sie sich bislang erlaubt hatte. Daß hier um einiges über das Ziel hinausgeschossen wurde, mag die Tatsache erhellen, daß auch integre Persönlichkeiten wie Kant oder Nicolai von den Zensurbehörden getadelt wurden; aber dabei blieb es, so schlimm, wie dieses Edikt heute dargestellt wird, war es wohl doch nicht.

In diesem Zusammenhang muß ergänzend erwähnt werden, daß nur sechs Jahre nach diesem Edikt, im Jahre 1794 das "Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten" kodifiziert wurde, ein Gesetzeswerk von allerhöchstem Rang, beispielhaft für die gesamte damalige zivilisierte Welt. In diesem Landrecht wurde zwar nicht ausdrücklich die Pressefreiheit beim Namen genannt, wohl aber an herausragender Stelle die Glaubensfreiheit. Und da Preußen sich durchaus als christlicher Staat verstand, waren Glauben und Religionsausübung nicht nur in das öffentliche Leben integriert, sondern prägten und bestimmten dieses sogar weitgehend. Insbesondere der Bildungs- und Schulsektor - in Preußen vorbildlich - hatte tiefe Wurzeln im Religiösen. Von da zum Spezialbereich Meinungsbildung ist es dann nicht mehr weit. So bedeutet Glaubensfreiheit letztlich auch Meinungsfreiheit - und hat dann eben auch mit Pressefreiheit viel zu tun. Insofern entfaltete das Preußische Landrecht von 1794 auch bezogen auf den Gegenstand unserer heutigen Betrachtungen große - und zwar positive - Wirkung.

Doch selbst in jenen Zeiten, in denen Preußens Pressepolitik sich eher restriktiv zeigte, herrschte eine erstaunliche Meinungsvielfalt. Ein Beispiel: Die französische Revolution war in den Berliner Zeitungen und Zeitschriften - neun Stück gab es damals schon - ein wichtiges und äußerst kontrovers diskutiertes Dauerthema. Nur ein Blatt, die "Berliner Monatsschrift", blieb neutral und streng sachlich, von den anderen gaben sich je vier pro- beziehungsweise kontrarevolutionär. Dies blieb - trotz des Zensuredikts! - über einen langen Zeitraum völlig unbeanstandet und ohne jede Beschränkung, obwohl hier doch, vor dem Hintergrund der gewaltsamen Beseitigung der Monarchie in Frankreich, im Königreich Preußen recht handfeste und naheliegende Eigeninteressen berührt waren. Die Wirkung der Zensur wurde übrigens auch dadurch relativiert, daß ausgerechnet die preußischen Zensoren sich nicht gerade durch ein Übermaß an preußischen Tugenden auszeichneten. Im Gegenteil: Sie galten als unzuverlässig, nachlässig, als "Unsicherheitsfaktor bei der Bekämpfung regierungsfeindlicher Medien". Übrigens hatte auch Otto von Bismarck am - nach landläufiger Meinung doch so überaus korrekten und pflichtbewußten - preußischen Beamtentum einiges zu kritisieren. So klagte er 1838 in einem Brief an seinen Vater, er habe "oft gesehen, wie die kostspielige Zeit und Arbeit schwer arbeitender Behörden auf eine Weise totgeschlagen wurde, daß man unbedingt glauben mußte, die Geschäfte seien erfunden, um den vorhandenen Beamten zu tun zu geben, und nicht die Beamten angestellt, um notwendige Geschäfte zu besorgen; und gegen solches und anderes Unwesen kämpften ausgezeichnete Vorgesetzte mit aller Energie, aber ohne Erfolg; es liegt einmal in der Natur der Verwaltung." Kurz gesagt: Gegen Bürokratismus kämpfen selbst Götter vergeblich ...

Mein Fazit: In Preußen herrschte, bis auf wenige restriktive Phasen, trotz staatlicher Zensur weitgehende Meinungs- und Pressefreiheit, die rechtstaatlich abgesichert und in einen überschaubaren, sicheren Rechtsrahmen eingebettet war, allerdings strikt an Verantwortung für das Gemeinwohl und Respekt vor schützenswerten Rechten anderer gebunden. In diesem Rahmen hat sich auch immer wieder eine durchaus kritische Presse entwickeln und selbst gegen machtvolle Regierungsapparate behaupten können. Wobei sich beide Seiten eines ausgesprochen deftigen Vokabulars zu bedienen pflegten; man betrachte die Auseinandersetzungen zwischen Bismarck und der sogenannten Kreuzzeitung.

Im heutigen Deutschland haben sich die Koordinaten verschoben. Es gilt als Ausweis kritischen Geistes, nicht nur zu informieren, sondern zu indoktrinieren, zu manipulieren und zu inszenieren. Wenn die Fakten nicht dramatisch genug sind, wird nachgeholfen - alkoholisierte Jugendliche, die für einen Fuffziger und ein Tragerl Bier zehnmal "Heil Hitler" vor laufender Kamera grölen, mögen als besonders unappetitliches Beispiel reichen. Ich könnte aus eigener beruflicher Kenntnis weitere schier unglaubliche Beispiele nennen.

Jedenfalls halte ich es für unerträglich, wenn uns derartige Stimmungsmache auch noch als Meinungs- und Pressefreiheit verkauft wird. Verantwortungs-, Hemmungs- und Zügellosigkeit eines Großteils unserer Medien haben uns allenfalls eine Perversion von Freiheit gebracht. Das Schlimmste daran: Die Akteure braucht man nicht einmal zu zwingen. Sie tun das alles freiwillig. Bismarck hat diese Entwicklung übrigens vorausgesehen. 1869 sprach er im Herrenhaus des Preußischen Landtages von Journalisten, die "nur damit beschäftigt sind, Zeitungen durchzulesen und zu sehen, ob sich eine Alarmnachricht findet; findet er keine, so hat er sie zu machen". Und zur Wirkung solcher Manipulationen auf die Leserschaft: Diese halte "das Gedruckte für wahr, weil es gedruckt ist, ungeachtet des Sprichworts "Erlügt wie gedruckt". Technischem Fortschritt gegenüber durchaus aufgeschlossen, fügte Bismarck hinzu: "Es wird vielleicht auch dahin kommen, zu sagen: Er lügt wie telegraphiert." Ich gestatte mir zu ergänzen: Heute sind wir gerade dabei, vom "Lügen wie gesendet" zum "Lügen wie gemailt" überzugehen. Man sieht übrigens an diesen Beispielen, wie aktuell und lesenswert Bismarck auch heute noch ist - schade für die nachwachsenden Generationen, daß des Eisernen Kanzlers "Gedanken und Erinnerungen" nicht in eine SMS passen.
So endet der Vergleich zwischen dem damaligen Preußen und dem heutigen Deutschland mit der Feststellung: Damals gab es eine Zensur, die aber die Entfaltung von Meinungs- und PRESSEFREIHEIT nicht nachhaltig verhindern konnte (und dies meist auch gar nicht sollte!). Heute hingegen findet offiziell keine Zensur statt; in Wirklichkeit aber wurde die Zensur gar nicht abgeschafft, sondern nur umbenannt - sie heißt nun "political correctness".


 
Top