Die Wirklichkeit der Liebe und die Fiktion der Politik
Die reale Welt der Kinder passt nicht in die Schemata der Politik Warnrufe aus Schweden und England
Von Jürgen Liminski
Selten war die Diskrepanz zwischen Wissenschaft und Politik so hautnah spürbar, selten erlebt man eine reale Welt, die der Beziehung zwischen Mutter und Kind, als Subsystem einer virtuellen, nämlich der Politik, die diese Beziehung systematisch ausblendet. Aber Wissenschaftler sind eben Wissenschaftler und keine Politiker, ihre Erkenntnisse werden nur dann von der Politik wahrgenommen, wenn diese meint, daß sie in den Mainstream oder die jeweilige Partei-Ideologie passen. Das ist bei den Erkenntnissen über Bindung, Neurobiologie und Genen nicht der Fall, und deshalb gehen die meisten Politiker auch ungerührt über die geradezu revolutionären Ergebnisse der Forschung in diesen Bereichen hinweg. Solche Ergebnisse waren bei dem diesjährigen internationalen Symposium in der Ludwig-Maximilian-Universität in München zu bestaunen, das wie schon in den letzten Jahren von der Theodor-Hellbrügge-Stiftung und von Professor Karl-Heinz Brisch vom Haunerschen Kinderspital ausgerichtet wurde.
Nur einige Ergebnisse seien genannt: Zum Beispiel, daß die Sprachentwicklung schon während der Schwangerschaft einsetzt. Das Kind im Mutterleib speichert bereits Rhythmus und Melodik der Muttersprache. Im ersten Jahr lernt das Kind dann, wie die Professorin Mechthild Papousek vom Kinderzentrum München ausführte, wie die phonetische Landkarten zu ordnen, wie visuelle und auditive Artikulation zu intergrieren sind, wie Syntax und Sprachfluß zueinander stehen. Über die sogenannte Ammensprache, "die undenkbar ist ohne den Beziehungskontext mit der primären Bezugsperson", werden Lernprozesse gesteuert, die grundlegend sind für die spätere Sprachentwicklung. Papousek wagte die Formulierung: "Wir haben die Sorge, daß die Sprachdefizite im letzten Vorschuljahr nicht aufgearbeitet werden können". Das sei zu spät. Die Sprachdefizite hätten ihre Ursachen viel früher, und deshalb müsse man auch früher ansetzen, indem man die Eltern entlaste und ihnen Zeit verschaffe für die Kommunikation mit dem Kind. Mütter hätten von Natur aus "intuitive Kompetenzen" und "natürliche Sprachfähigkeiten" für diese Kommunikation.
Oder die Ergebnisse der Entwicklungspsychologin Professor Doris Bischof-Köhler. Sie beschrieb die drei Systeme, in denen das Kleinkind sich bewegt: Sicherheitssystem, Erregungssystem, Autonomiesystem. Natürlich ist das Sicherheitssystem zunächst das wichtigste. Schon mit drei Monaten kann es genau zwischen Vertrauten und Fremden unterscheiden, im zweiten Lebensjahr, wenn das Ich-Bewußtsein wächst und das Du wahrnehmbarer wird, bildet sich die Fähigkeit zur Empathie heraus - allerdings nur vor dem Hintergrund der emotionalen Sicherheit, die die primäre Bezugsperson, in der Regel die Mutter, durch ihre Präsenz ermöglicht. Zwischen den drei System sucht das Kind in den ersten Jahren ein Gleichgewicht. Wenn das erste, das Sicherheitssystem dauerhaft entfällt, etwa weil die Bezugspersonen ständig wechseln oder die Mutter permanent abwesend ist, dann sind Ängstlichkeit und Unsicherheit die Folge. Hier setzt zwar mit der Zeit, wie Bischöf-Köhler ausführte, ein Anpassungsprozess ein. Aber das ist nur ein Ersatz, um zu leben. Es entsteht eine Pseudo-Selbstsicherheit, die nicht durch Erfolge, Bestätigungen, Anregungen - kurz durch emotionale Zuwendung oder Liebe - fundiert ist und deshalb eher eine Fassade auf einer dünnen Mauer der Persönlichkeit gleicht.
Oder die Ergebnisse des Hirn-und Verhaltensforschers Professor Niels Birbaumer aus Tübingen, der zeigte, wie man ohne Einflußnahme die Hirntätigkeiten des Embryos messen kann, und darlegte, daß die Anfangssynapsen im Mutterleib für die spätere Entwicklung von größter Wichtigkeit seien. Selbst Embryonen schlafen und lernen wie die Neugeborenen im Schlaf. Besonders positive Effekte habe die Musik. Sie sei die produktivste Art des Lernens, weil sie gleichzeitig mehrere Hirnareale stimuliere und daher mehr Verbindungsoptionen für die Verschaltungen im Hirn schaffe. Viele Reize ergeben viele Synapsen, und viele Verschaltungen ermöglichen ein höheres Potential an Kreativität und Innovationskraft.
Die Wissenschaftler, insbesondere aus dem deutschen Sprachraum, enthalten sich meist politischer Folgerungen. Auch sprechen sie nicht von Liebe, der Begriff ist nicht meßbar. Aber es ist klar: Die Reize sind umso stärker, je emotionaler sie von Liebe motiviert sind. Liebe schafft Kreativität und ist selber kreativ. Amerikanische Wissenschaftler haben da offenbar weniger Berührungsängste. Der auf dem Kongreß mit dem Arnold-Lucius-Gesell-Preis ausgezeichnete Professor Berry Brazelton, in Amerika eine "bekannte Größe in jedem Haushalt", wie es in der Grußadresse des amerikanischen Botschafters hieß, begann seinen mit stehenden Ovationen des überwiegend jungen Publikums bedachten Vortrag mit Sätzen wie: "Wir dürfen die Eltern nicht zu Schuldigen abstempeln". Oder: "Wir müssen die Eltern befreien, ihnen Freiraum verschaffen und sehen, was sie tun können, und sie nicht dafür anklagen, was sie nicht getan haben". Sätze, die man im Bundestag mal ganz laut sagen sollte.
Hier und da klang im Audi Max und den anderen Hösälen, in die die Vorträge per Video übertragen wurden, zaghaft an, daß die Politik sich mit Blick auf die Bedürfnisse der Kleinkinder auf dem Irrweg befinde. Unter spontanem Applaus der mehr als 1200 Teilnehmer sagte zum Beispiel der Moderator und Veranstalter Professor Brisch: "Hochriskante Elterngruppen sind da, wo emotionale Armut herrscht. Da ist das Risiko groß für das Baby". Und wenn man schon mit Frühwarnsystemen operiere, dann sollte man der Familienministerin von der Leyen - übrigens Schirmherrin des Kongresses - auch sagen, wo die Risikogruppen und ihre Ursachen zu suchen seien. Auch in der politischen Arbeit sei viel mehr Engagement nötig, um den Bedürfnissen des Kleinkindes gerecht zu werden. Auch der Vater der Münchner Bindungskongresse, der hochbetagte, aber immer noch ungeheuer unternehmungslustige Professor Hellbrügge, wies auf die Defizite der Politik hin. Er sprach von der "Diskriminierung der Familie" und von späten Erfolgen des Kommunismus, der die "Zerstörung der Familie durch die Ablösung der Frau und Mutter von der Erziehung der Kinder" angestrebt hatte. Wie ein Fazit des gesamten Kongresses klangen seine Worte zur Begrüßung: Die Kinderheilkunde müsse wieder stärker an die Mutter-Kind-Beziehung herangeführt werden, es sei "sinnlos, später in der Schule immer mehr draufzupacken, wenn die Grundlagen nicht gelegt sind".
Diese Grundlagen sind die individuelle Betreuung, die emotionale Sicherheit, der urpersönliche intime Austausch - mit einem Wort, die Grundlage ist die Liebe zwischen Mutter, Vater und Kind. Diese Grundlagen wurden in vielen Variationen angedeutet, in einzelnen Forschungsergebnissen deutlich gemacht, in gelegentlichen Aussagen auch benannt. Hellbrügge verwies auf einen Aufruf der ehemaligen schwedischen Feministin Anna Wahlgren, die jahrzehntelang die Programme der frühen Kollektiv-Erziehung beeinflußt hatte, heute aber der Politik sagt: "Hände weg von den ersten drei Lebensjahren!" Es ist symptomatisch für die Situation in Deutschland, daß solche klaren Worte selbst in München nur am Rande zu lesen waren. Das Familiennetzwerk (www.familie-ist-zukunft.de) hatte es geschafft, eine Erklärung von Anna Wahlgren an die Mütter in Deutschland und ein Grußwort des bekannten britischen Entwicklungs- und Verhaltensforschers Sir Richard Bowlby an den Kongreß auszulegen. Darin beklagt Bowlby die Zustände in Großbritannien und schreibt: "Inzwischen bin ich davon überzeugt, daß Babies und Kleinkinder im Alter von bis zu 30 Monaten, die während der täglichen Fremdbetreuung keinen Zugang zu einer festen Bezugsperson haben, so hohen Risiken ausgesetzt sind, daß dies zu einer erheblichen Verschlechterung der seelischen Gesundheit dieser Kinder in späteren Jahren führen wird. Ich hoffe sehr, daß Sie in Deutschland nicht dieselben Fehler begehen, die wir hier in Großbritannien gemacht haben".
Aber genau das ist der Fall. Die Politik der Großen Koalition mißachtet konsequent die Ergebnisse der Hirn- und Bindungsforschung. Sie verachtet die Mütter und deren Bedeutung für die gesunde Sprach-und Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Insofern war dieser Kongreß, gerade wegen seines inhaltlichen Reichtums, ein Armutszeugnis für die Politik. Denn statt für mehr Flexibilität in Wirtschaft und Gesellschaft zu sorgen, damit die Mütter mehr Zeit für die Kinder in den ersten drei Jahren haben, hat sich die Politik unter dem Diktat der Wirtschaft und ungeachtet der schon vor München vorhandenen Warnrufe und Forschungsergebnisse einseitig auf die Verstärkung der Tagesfremdbetreuung festgelegt. Das ist der Unterschied zwischen Science und Science-fiction: Die reale Welt des Menschen und seiner Bedürfnisse verträgt sich nicht mit der virtuell-voluntaristischen Welt der Politik. Das ist vermutlich nur ideologisch und psychologisch zu erklären und wäre sicher auch mal einen Kongress wert.
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